Erschienen in „Zeugnisse: Offenbach 1933 – 1945 : Verfolgung u. Widerstand in Stadt u. Landkreis Offenbach“ herausgegeben 1988 von Karl Schild und Adolf Mirkes im Röderberg Verlag.

Änne Salzmann war am 9. Oktober 1985 80 Jahre und Karl Schild am 22. September 1985 75 Jahre geworden. Ihre Genossen und Freunde ehrten sie am 12. Oktober 1985. Wer an diesem Tag in Offenbach gesehen und erlebt hat, wie junge Menschen die beiden „Alten“, jedoch junggebliebenen Sozialisten und Kommunisten, in Liebe und Anerkennung gefeiert haben, der begreift die große Lebensleistung und das Schicksal der in Lebensgemeinschaft Verbundenen.

Die „Offenbach-Post“ würdigte am 9. Oktober 1985 den 80. Geburtstag von Änne Salzmann:

„Achtzig Jahre alt wird am 9. Oktober eine Offenbacherin, deren Leben mit der jüngeren Geschichte der Arbeiterbewegung verbunden ist. Änne Salzmann, in Offenbach geboren, trat bereits mit 15 Jahren der Lederarbeitergewerkschaft bei. Seit ihrem 18. Lebensjahr ist sie Mitglied der „Naturfreunde“. Schon in der Weimarer Zeit bekämpfte sie als Mitglied des „Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands“ und ab 1927 der KPD den aufkommenden Faschismus. Sofort nach der Machtübernahme durch die Nazis am 30. Januar 1933 beteiligte sie sich am organisierten antifaschistischen Widerstand. Sie wurde 1935 nicht zuletzt wegen ihrer Tätigkeit in der illegalen Landesleitung der KPD verhaftet. Das Oberlandesgericht Kassel verurteilte sie zu sechs Jahren und sechs Monaten Zuchthaus, von denen sie mehr als fünf Jahre in Einzelhaft verbrachte. Ihre Standhaftigkeit vor, während und nach der Verhaftung rettete, vielen ihrer Mitkämpfer im Widerstand das Leben. Nach 1945 war sie Mitbegründerin der KPD in Offenbach, war Gründungsmitglied des ‚überparteilichen Frauenverbandes‘ in Offenbach und einige Jahre dessen Erste Vorsitzende. Mit Unterstützung der amerikanischen Kommandantur wurde Änne Salzmann Geschäftsführerin der ‚Hilfe für Offenbach‘, einer Sozialorganisation der Nachkriegszeit, als karitative und parteiliche Sozialorganisationen noch nicht zugelassen wurden. Viele Bürger Offenbachs, insbesondere Kinder und Familien, konnte sie so ehrenamtlich durch Lebensmittelverteilung etc. unterstützen und betreuen. Nach Auflösung der Hilfe für Offenbach‘ im Jahre 1946 arbeitete sie bis zum Eintritt in den Ruhestand beim Sozialamt der Stadt, wo sie bis 1965 ihr soziales Engagement in die Tat umsetzte. Als Rentnerin genießt sie aber keineswegs den Ruhestand. Sie ist bis heute aktiv in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten, war Mitglied im ersten Landesvorstand, übernahm die Sozialkommission der Organisation und gehört bis heute ununterbrochen dem Kreisvorstand der VVN an.“

Würdigung von Karl Schild in der „Offenbach-Post“ vom 24. September 1985:

„Vorsitzender der ‚Verfolgten des Nazi-Regimes‘ Karl Schild, der Kreisvorsitzende der Offenbacher Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN), vollendete sein 75. Lebensjahr. Er ist Mitautor der Dokumentation ‚Juden-Pogrom in Offenbach‘ und des Lesebuchs ‚Mühlheim unter den Nazis‘. Der gebürtige Mannheimer, der nach dem Kriege nach Offenbach übersiedelte, wurde mit 14 Jahren als Mechaniker Lehrling Mitglied im Metallarbeiterverband. Bereits in der Weimarer Republik bekämpfte er den drohenden Faschismus. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP setzte er die Gewerkschaftsarbeit illegal fort und schloss sich dem organisierten antifaschistischen Widerstand an. Dafür kam er bereits 1933 in Schutzhaft, wurde 1936 vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und kam schließlich nach Verbüßung der Strafe in Ludwigsburg mit dem Strafbataillon 999 nach Griechenland. Hier gelang es ihm, Kontakte zur griechischen Widerstandsbewegung ELAS zu knüpfen. Nach britischer Kriegsgefangenschaft beteiligte sich Schild aktiv in Offenbach am Aufbau demokratischer Strukturen. Er war Stadtverordneter der KPD und Mitbegründer der VVN, deren Kreisvorsitzender er seit mehr als dreißig Jahren ist. Seit sich die VVN 1972 als Bund der Antifaschisten auch für jüngere Menschen öffnete, spielt er eine Schlüsselrolle als Mittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart, als eine der Symbolfiguren der deutschen Widerstandsbewegung. Seine begeisternde Art des Erzählens, sein vorurteilsfreies Eingehen auf Fragen Jüngerer, seine Authentizität als eines der wenigen überlebenden Opfer der Nazi-Zeit machen Schild aber auch zu einem begehrten Zeitzeugen vor allem in Schulen.“

Beide wurden danach gefragt, ob sie einverstanden seien, für dieses Buch ihr Leben zu erzählen. Änne Salzmann sagte nach einigem Zögern zu. Karl Schild wollte nicht so recht. Er meinte, er sei ja erst nach dem Krieg nach Offenbach gekommen. An beiden zeigt sich die schon zur Tradition gewordene Einstellung älterer Funktionäre, ja nicht allzu viel Aufhebens, um ihr Leben zu machen.

Änne Salzmann erzählt:

Mein Vater Joseph Buchert ist am 12. Dezember 1879 in Dorndiel, einem kleinen Odenwalddorf bei Groß-Umstadt geboren. Er hatte eine schwere Kindheit. Als er aus der Volksschule kam, lernte er das Schuhmacher-Handwerk in Mainz bei einem Onkel, der eine Schuhmacher-Werkstatt hatte. Nach der Lehre ist er nach Offenbach gekommen. Er bekam Arbeit in der Schuhfabrik Liebmann und Wallerstein in der damaligen Sedanstraße. Als sich die beiden Inhaber 1901 trennten, ging mein Vater zu Wallerstein, der Schuhfabrik am Ende des Lichtenplattenweges. Bis zur Stilllegung 1931 arbeitete er dort, danach in einer Offenbacher orthopädischen Schuhmacher-Werkstatt. Im Alter von 17 Jahren ist mein Vater am 29. Juni 1896 in den Schuhmacher-Verband eingetreten. Der spätere Vorsitzende des Schuhmacher-Verbandes Josef Simon war. damals ein bekannter Funktionär dieses Verbandes in Offenbach.

In Offenbach lernte mein Vater meine Mutter kennen. Ihr Mädchenname war Maria Braun. Sie wurde am 28. Juni 1881 in Offenbach geboren. Auch sie hatte eine schwere Jugend. Sie hatte sieben Geschwister und ihr Vater, ein Metallarbeiter, ist früh gestorben. Am 8. März 1959 ist meine Mutter gestorben.

Ich bin am 9. Oktober 1905 in meinem Elternhaus in Offenbach in der Mathildenstraße 26 geboren. Zwei Geschwister hatte ich. Meine Schwester Maria lebt ‚nicht mehr. Mein Bruder Adam, der 1902 geboren wurde, lebt in Rembrücken. Von 1912 bis 1920 bin ich in die Volksschule gegangen. Das war in der Mathildenschule.

Während des Ersten Weltkrieges war mein Vater eingezogen, und meine Mutter hatte es nicht leicht mit drei Kindern. Sie musste von einer niedrigen Unterstützung leben, aber Sie hatte das Talent, sich immer etwas dazu zu verdienen. Damals war sie stundenweise in einer Verkaufsstelle für Lebensmittel beschäftigt, die von der Stadt Offenbach eingerichtet war. Dabei fiel manches mal etwas ab, weil ja im Kriege die Lebensmittelversorgung immer schwieriger wurde. Tief getroffen hat sie damals der Tod meiner Schwester Maria; sie starb im Mein Vater kam am Kriegsende wieder nach Hause. Er arbeitete wieder in der Schuhfabrik Wallerstein und war im Betrieb aktiver Gewerkschafter. Er war auch. bei den Arbeiter-Radfahrern dabei und spielte Posaune in einer Gruppe des Musikvereins. Seine Interessen waren sehr vielseitig, parteipolitisch hat er sich j aber nicht mehr betätigt. Er war vorher Mitglied in der SPD gewesen, ist aber nach den Enttäuschungen im Zusammenhang mit dem politischen Wandel dieser Partei nach 1918/1919 ausgetreten. Aber Gewerkschaftsarbeit hat er immer gemacht. Er blieb viele Jahrzehnte Mitglied, bis zu seinem Tod im Jahre 1963. Ich erinnere mich, wie er im Jahre 1961 von der Gewerkschaft LEDER für seine 65-jährige Mitgliedschaft geehrt wurde. Im Jahre 1920 begann meine Lehrzeit im gleichen Betrieb, in dem mein Vater arbeitete, in der Schuhfabrik Wallerstein. Ich lernte Schärferin. Vorher war ich, so wollte es mein Vater, einige Zeit im Büro der Firma, aber das hat mir nicht gefallen. Mir passte auch nicht, dass man im Büro die Lehrlinge mehr zur Erledigung von Besorgungen einspannte; ich hatte eine andere Vorstellung von Büroarbeit gehabt. Die Folge war, dass mir der Betriebsleiter der Firma vorschlug, in die Produktion zu gehen. Das tat ich auch – und das habe ich nicht bereut. Ich will erwähnen, dass die Schuhfabrik Wallerstein hundertprozentig in der Schuhmacher-Gewerkschaft organisiert war. Im Jahre 1921 verdiente ich etwa 30 Pfennig. Das war ein Stundenlohn, der in seiner Höhe schon mit der damals begonnenen Inflation zusammenhing. Damals gab es sieben Tage Urlaub für alle Schuhfabrikarbeiter, weil die Schuhfabriken wegen der Hand in Hand gehenden ‚Arbeit im Urlaub nicht arbeiten konnten. Es wurde im Akkord gearbeitet. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass wir möglichst gute Preise für uns herausholten. Das war besonders dann wichtig, wenn neue Modelle eingeführt wurden. Oft passte uns das Angebot des Unternehmens nicht, und immer dann habe ich mich sehr dafür eingesetzt, dass Verbesserungen erreicht wurden. Das ging nicht ohne Auseinandersetzungen mit der Betriebsleitung ab. Die Kolleginnen standen damals immer geschlossen hinter mir. Ich muss sagen, dass ich manchmal heute noch von ehemaligen Kolleginnen angesprochen werde, die mich an „unsere Kämpfe“ damals erinnern. Sehr oft wurde mein Vater wegen mir zur Betriebsleitung bestellt, und man legte ihm nahe, mich etwas abzubremsen. Aber er war ja selbst Gewerkschafter und hat immer Verständnis für mein Verhalten gehabt. ‚ Damals hatten wir bei Wallerstein einen guten Betriebsrat, der uns in allen Fällen unterstützte. Betriebsratsvorsitzender war Hans Berger. Als überzeugter Antifaschist kam er 1933 in das erste hessische Konzentrationslager in Osthofen. Er gehörte dort der illegalen Lagerleitung an. Im August 1944 wurde er im Zusammenhang mit der „Aktion Gitter“ erneut verhaftet und zusammen mit Offenbacher Gewerkschaftern, Sozialdemokraten und Kommunisten im KZ Dachau inhaftiert.

Wir wohnten in der Mathildenstraße 26. Im gleichen Haus wohnte die Familie Wilhelm Weber, der aktive Gewerkschafter und später von 1931-1933 Reichstagsabgeordneter der SPD war. Seine Tochter Anni war Mitglied der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ). Durch sie kam ich zur SAJ und wurde Mitglied. Es gab in der Herrnstraße ein Jugendhaus, in dem Räume für Jugendverbände der Arbeiterbewegung zur Verfügung standen. Besonders aktiv waren damals die kommunistische und die syndikalistische Jugend. Da ich mich schon damals für politische Fragen und Probleme interessierte, stellte ich bald fest, dass die SAJ meinen Vorstellungen nicht ganz entsprach. Im Jahre 1922 trat ich aus diesen Gründen in den Kommunistischen Jugendverband über.

Zu der Schuhfabrik Wallerstein will ich noch sagen, dass in diesem Betrieb sehr viele Arbeiterinnen und Arbeiter waren, die im Landkreis Offenbach wohnten. Sie wussten nicht viel von Gewerkschaftspolitik, aber sie waren gute Kolleginnen und Kollegen.

Im Kommunistischen Jugendverband arbeitete ich von Anfang an mit und nahm an allen Veranstaltungen, an politischen Schulungen usw. teil. Der KJVD war auf politischem Gebiet sehr aktiv; besonders setzte er sich natürlich für Fragen ein, die Jugendliche betrafen.

Im Jahre 1923 wurde ich auch Mitglied bei den Offenbacher Naturfreunden. Dort waren auch viele Jugendliche, von denen nicht wenige in den verschiedenen Jugendverbänden mitmachten und aktiv waren. Von den älteren Genossinnen und Genossen der Naturfreunde haben ich und andere viel gelernt, weil viele Naturfreunde politisch in Parteien und Gewerkschaften aktiv waren. Das waren Willi Buckpesch, Hans Berger, Eduard Meyer, Karl Burkhard und andere.

Um diese Zeit war im Kommunistischen Jugendverband Adolf Schüttler sehr aktiv. Er gründete, das war sicher die erste in ganz Hessen, eine Gruppe der „Jungen Pioniere“. Diese Gruppe entwickelte sich verhältnismäßig gut, ihr gehörten fast durchweg Arbeiterkinder an, die teilweise auch aus sozial schwachen Familien kamen. Politische Kinderarbeit war unter den damaligen Bedingungen natürlich nicht einfach. Wir nahmen aber Kontakte zu den Eltern auf, machten mit den Kindern Spaziergänge und Wanderungen, sprachen mit ihnen über Probleme in der Schule und führten sie auch mit ein, wenn politische Demonstrationen waren. Solche Arbeit machten wir natürlich überwiegend mit dem KJVD Offenbach zusammen, der damals zahlenmäßig stark und auch politisch aktiv war.

Ich erinnere mich an einen Besuch von Willi Münzenberg in Offenbach, das war für uns ein Ereignis. Ich habe noch ein Bild von 1923, auf dem viele junge Kommunisten zu sehen sind, wie Philipp Pleß und seine spätere Frau Toni, Anna Reiter, Albert Schäfer, Else Bender, und ich selbst.

Es fanden öfters Treffen der Jugend in Offenbach statt, wir nahmen auch an hessischen und an Reichstreffen des Jugendverbandes teil. Das waren immer eindrucksvolle Erlebnisse. Einfach war das oft nicht, denn der Kommunistische Jugendverband war damals natürlich schon Zielscheibe von Angriffen politischer Gegner von rechts. Auch das Verbot der KPD im November 1923 durch Genera von Seeckt machte uns schon zu schaffen, aber wir überstanden diese Zeit.

Ich will noch etwas von zu Hause erzählen aus der damaligen Zeit. Meine Mutter war eine typische Hausfrau, die sich aber nicht nur um die Familie sorgte, sondern auch ein Herz für andere Menschen hatte, besonders für Jugendliche. Ich erinnere mich an ein Treffen unserer Jugend in Offenbach. Wir hatten natürlich Mühe, Jugendliche von auswärts unterzubringen. Meine Mutter handelte schnell; sie stellte sogar ihr Schlafzimmer zur Verfügung, mindestens vier Jugendliche waren also untergebracht. So etwas gab es auch in anderen Familien, die uns. nahestanden. Unter unseren Jungen Mitgliedern waren auch Kinder, deren Eltern sehr arm waren, es gab ja damals auch Arbeitslose und alles andere als eine funktionierende Sozialfürsorge. Auch hier half meine Mutter. Junge Leute zum Essen hatten wir sehr oft zu Hause. Einmal hat sie einen Jungen, der immer Hunger hatte, eine ganze Woche lang verpflegt und vollgestopft. Sie war ganz stolz darauf, wie der sich in kurzer Zeit erholt hatte. Bei Wallerstein habe ich bis 1928 gearbeitet. Um diese Zeit trat ich dann auch in die KPD ein. Eigentlich wäre ich viel lieber bei der Jugend geblieben. Im gleichen Jahr habe ich den Kreuznacher Genossen Hugo Salzmann in Offenbach geheiratet und bin dann nach Kreuznach gezogen.

Meine Ehe war nicht von langer Dauer. Obwohl politisch auf einer Linie, verstanden wir uns nicht besonders gut, so dass ich mich 1930 von ihm trennte und nach Frankfurt am Main ging. Hugo Salzmann war in Kreuznach ein bekannter und geachteter Funktionär in der Arbeiterbewegung. Er musste 1933 aus politischen Gründen emigrieren. Er ging über das Saargebiet nach Frankreich. Nach seiner Rückkehr wurde er Rechtsschutzsekretär der Gewerkschaft in Bad Kreuznach. 

Ich bekam in Frankfurt schnell Kontakt zur KPD und arbeitete in der Partei aktiv mit, jedoch nur ehrenamtlich. Bis Ende 1932 war ich arbeitslos und hatte etwas mehr Zeit für politische Arbeit. Die Genossen in Frankfurt waren mir sehr behilflich. Ich lernte den Genossen Walter Strüwe kennen, der im Bezirksvorstand Hessen der KPD aktiv war und Agitation und Propaganda (Agitprop) machte. Später lebten wir zusammen.

Ich arbeitete auch in der Bezirksleitung Hessen der KPD in Frankfurt mit, zusammen mit Eva Höhn, Lotte Diehm, Else Veith, Maria Moritz, später mit Franziska Kessel und anderen. Ich war überwiegend im Bezirksgebiet Hessen tätig, in Raunheim und Kelsterbach und auch im Odenwald, in Höchst und anderen Orten. Vorwiegend sprach ich dort über politische Tagesfragen, über Frauenprobleme und war bei Wahlen immer als Referentin im Lande Hessen eingesetzt. Angesichts der drohenden Gefahr des Faschismus bereiteten wir uns schon 1932/Anfang 1933 auf eine illegale Zeit vor, Walter Strüwe übernahm zusammen | mit anderen diese Arbeit und war als Instrukteur in dieser Richtung in Hessen tätig. Später wurde er im Auftrag des Zentralkomitees der KPD Oberberater im Raum Südwest. Ich selbst wurde, nachdem bereits Verhaftungen von Mitgliedern der Bezirksleitung Hessen der KPD erfolgten, Mitglied der illegalen Bezirksleitung der KPD Hessen. Weitere Mitglieder waren Lotte Diehm, Betty Wittmann, Georg Botta, Hans Jordan.

Ich will noch etwas über die damals jüngste Abgeordnete der KPD im Reichstag, Franziska Kessel, sagen. Sie kam nach Frankfurt, kurz bevor die Faschisten an die Macht gebracht wurden. Mit Lotte Diehm und mir hat sie viel zusammengearbeitet. Meine illegale Arbeit begann unmittelbar nach dem 30. Januar 1933. Damals waren viele unserer Genossinnen und Genossen, die Funktionen im Landtag oder in Stadtparlamenten hatten, in großer Gefahr. Ich habe damals viel getan, sie unterzubringen. Gleichzeitig stellte ich Kontakte zu Personen her, die mit uns sympathisierten; das waren Stellen, in denen wir illegal arbeiten oder Materialien hinterlegen konnten. Damals hatte ich Kontakte zu der Genossin Maria Widmayer, die im Raum Stuttgart illegal arbeitete.

Ostern 1933 wurde ich zum ersten Mal verhaftet, und zwar von der Gießener Gestapo in Frankfurt am Main. Franziska Kessel war bei einem illegalen Treff verhaftet worden. Bei den verschiedenen Vernehmungen von Genossen ist wahrscheinlich auch mein Name aufgetaucht. Man unterstellte mir Kontakte zu Franziska Kessel und anderen, aber man konnte mir nichts beweisen. Ich machte auch keine Aussagen. Nach sechs oder sieben Wochen Haft wurde ich aus Giessen wieder entlassen.

In das gleiche Gefängnis kam, nachdem ich einige Tage dort war, auch Franziska Kessel. Eines Tages wurde sie an meiner Zelle vorbeigeführt und blieb mit der Wärterin kurz stehen. Ich hörte, wie sie sagte, dass sie vorher immer im Keller eingesperrt gewesen war, mehr konnte ich nicht mitbekommen, da sie weitergeführt wurde. Das hat mich damals sehr betroffen gemacht, weil ich ja Franziska von gemeinsamer Arbeit her gekannt habe. Von ihrem späteren Tod, sie wurde am 23. April 1934 „in der Zelle erhängt aufgefunden“ habe ich erst nach 1945 erfahren.

Nach meiner Entlassung aus Gießen habe ich in Frankfurt wieder weitergearbeitet. Walter Strüwe war schon der Kontaktmann zum Zentralkomitee der KPD.

Oft bin ich damals mit ihm gegangen und habe ihn abgeschirmt bei Zusammenkünften. Über seine Arbeit habe ich wenig erfahren, das war auch gut so. Dann nahm das Zentralkomitee der KPD auch mit mir Kontakt auf, wahrscheinlich, weil Walter Strüwe sehr gefährdet war. Er war es gewesen, der im Juli 1934 die Vorbereitung und Durchführung eines Einheitsfront-Abkommens zwischen KPD und 7 SPD angeregt hatte. Das Mitglied des Zentralkomitees Franz Dahlem (er kämpfte später in Spanien bei der Verteidigung der Demokratie) bestärkte Walter Strüwe bei einer Zusammenkunft in Berlin in diesem Vorhaben. Kontaktleute der SPD waren Paul Kirchhof und Paul Apel. Sie gehörten der größten SPD-Widerstandsgruppe im Main-Taunus-Kreis an. An einem sorgfältig abgesicherten Ort im Taunus kam es nach längeren vorherigen Besprechungen zu dem Abkommen, das am 5. September 1934 abgeschlossen wurde. In dem Aufruf heißt es, dass von Hitler Deutschland in die Katastrophe geführt wird und deshalb sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter in einheitlicher Aktion diesem verbrecherischen Treiben ein Ende machen müssten.

Die Auswirkungen dieses Abkommens sind auch aus dem Urteil des Volksgerichtshofes gegen die Sozialdemokraten Paul Apel, Paul Kirchhof, Paul Schmidt und Heinrich Diegel zu ersehen, die zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt wurden. Ihnen wurde vorgeworfen, eine Einheitsfront von Kommunisten und Sozialdemokraten zu schaffen. Dieses Abkommen hatte Auswirkungen bei der illegalen Arbeit der Arbeiterbewegung auch in anderen Städten und war für den Volksgerichtshof Anlass, die Angeklagten besonders drastisch zu bestrafen.

Ich habe von dieser gefährlichen Arbeit, die Walter Strüwe übernommen hatte, aus verständlichen Gründen nur wenig erfahren. Erst nach 1945 wurde mir klar, welche Bedeutung und Auswirkung dieses Abkommen hatte. Zu verspüren bekam ich alle diese Bemühungen um Einheit, für die ich immer eingetreten bin und vieles riskiert habe, nach meiner Verhaftung und Verurteilung.

Meine illegale Arbeit machte ich weiter. Wir hatten nach den Verhaftungen schon Schwierigkeiten bei der Arbeit, aber nach einiger Zeit lief sie wieder. Mir gelang es auch, Kontakte zu Arbeitern in der früheren SPD-Zeitung in Frankfurt herzustellen, die von den Nazis übernommen war. Wir bildeten eine Gruppe, dabei waren ein Genosse der KPD und einige Sozialdemokraten. Wegen dieser Gruppenarbeit hatte ich damals mit dem Genossen Jordan gesprochen. Zur Arbeit dieser Gruppe kam es aber infolge meiner Verhaftung wahrscheinlich nicht. Das schließe ich daraus, dass ich nach meiner Verhaftung durch die Gestapo viele Male gefragt wurde, wie es um diese Kontakte eigentlich gestanden habe. Aussagen habe ich keine gemacht. Darüber waren die Gestapo-Beamten besonders böse und brutal. Man beschimpfte mich als „ein Weibstück“ das ausgerechnet in der Parteizeitung seine Wühlarbeit machen wollte. Nach 1945 habe ich dann erfahren, dass Jordan für die Gestapo als Spitzel gearbeitet hat. Er wurde deswegen auch angeklagt.

Walter Strüwe, der gefährliche Aufgaben übernommen hatte, war besonders gefährdet. Er musste, noch vor dem Abschluss des von ihm initiierten Einheitsfrontabkommens emigrieren, etwa in der Mitte des Jahres 1934. Er war schon steckbrieflich gesucht. Viele Jahre später hat die VVN Offenbach ein Fahndungsgesuch der Gestapo erhalten, in dem unter vielen Hunderten von Namen auch Walter Strüwe aufgeführt war, als „Staatsfeind“. Obwohl das schon gefährlich war, habe ein oder zwei Mal im Saargebiet besucht. Er meinte, ich solle auch emigrieren. Das habe ich aber nicht akzeptiert;ich hielt meine Aufgabe in der Widerstandsarbeit für wichtiger und richtig. Später musste Walter nach England emigrieren und hat dort, wie ich nach seiner Rückkehr im Jahre 1947 erfuhr, in einer Gruppe von Kommunisten aktiv gearbeitet.  Dort hat er sehr gefährliche Aufträge übernommen, die ich hier erwähnen will, weil das weithin unbekannt ist. Walter Strüwe hat mir nach seiner Rückkehr erzählt, dass er 1944 und 1945 mit dem Fallschirm über Deutschland abgesprungen sei und dass er auch in Frankfurt war und festgestellt habe, dass unsere frühere Wohnung in der Elefantengasse in Frankfurt nicht mehr existierte. Das Haus war ausgebombt. Er hat mir aber keine Einzelheiten seines Einsatzes mit Flugzeugen erzählt. Die habe ich aber aus dem Buch „Sonjas Repport“ von Ruth Werner, Verlag Neues Leben Berlin, 1977, entnommen. Ruth Werner gehörte in England zu dem Kreis von Kommunisten, die wichtige Verbindungen herstellten. Sie schickte mir am 14. April 1977 dieses Buch mit einer Widmung, daraus führe ich das Wichtigste zu diesen Einsätzen an: Das damals in England existierende „Büro für Strategische Dienste“ (OSS Office of Strategic Services) stellte Kontakte mit deutschen Kommunisten mit dem Ziel her, Leute zu gewinnen, die mit dem Fallschirm über Deutschland abspringen und wichtige militärische Aufgaben übernehmen sollten. Ruth Werner schilderte die Auswahl und den Einsatz der Männer. Der Einsatz dieser Genossen fand nur mit Zustimmung der Auslandsparteileitung der KPD in England statt, der u. a. Wilhelm Koenen angehörte. Danach wurden Genossen dem OSS vorgeschlagen. Ausgewählt wurden acht Genossen, unter ihnen Walter Strüwe. OSS schloss mit jedem einen Vertrag ab; sie wurden hoch bezahlt und erhielten eine Lebensversicherung. Danach erfolgte eine intensive Ausbildung auch mit dem Sprechfunkgerät „Walkie-Talkie“ damals eine Neuheit. Ein Zahlenkodex musste auswendig gelernt werden, unsichtbare Tinte, Vergiftungspille und Kraftnahrung gehörten mit zur Ausrüstung. Die Männer sprangen an einem bestimmten Punkt mit dem Fallschirm ab – danach setzte sich ein USA-Flugzeug mit ihnen in Funkverbindung. Auch Adressen von Antifaschisten in Deutschland wurden vermittelt, um Kontakte herzustellen. Alle Genossen sprangen ab, und Ruth Werner schildert den Eingang ihrer Berichte, die sehr wertvoll waren. Von Walter Strüwe wird erwähnt, dass seine Informationen nach seiner Rückkehr sachlich und interessant waren. Es gab auch Opfer bei diesen gefährlichen Unternehmungen. Ein Flugzeug mit einem Fallschirmspringer explodierte in der Luft. Dieser Bericht über weithin unbekannte Einsätze deutscher Antifaschisten im Kampf gegen den Faschismus und den Krieg bestätigt eindringlich den Mut und die Überzeugungstreue dieser Menschen.

Ich habe in Hessen meine illegale Arbeit weitergemacht. Im September 1935 wurde ich von der Gestapo verhaftet. Man brachte mich in das Untersuchungsgefängnis in der Hammelgasse in Frankfurt, dann nach Preungesheim und später nach Kassel. Viele Male, ich weiß nicht mehr wie viele, wurde ich Genossen gegenübergestellt. Oft kam ich auf Transport zu weiteren Vernehmungen. Immer war ich in diesen Monaten in Einzelhaft. 

Ich habe bei diesen Gegenüberstellungen keine Aussagen gemacht und habe nie einen meiner Genossen irgendwie belastet. Was die Gestapo über mich wusste, hatte sie nur von dem bereits erwähnten Hans Jordan. Bei den vielen Vernehmungen wurde ich immer als letzte vernommen. Mehrmals habe ich gehört, weshalb; man sagte: „Die ist gefährlich und unverbesserlich, deshalb 7 nehmen wir sie als letzte vor.“ Ich weiß nicht mehr, wie oft ich in der Hammelgasse und in Preungesheim vernommen wurde, manchmal in der Hammelgasse, dann wieder in Preungesheim und auch in der Lindenstraße in Frankfurt in der Zentrale der Gestapo. Schließlich kam ich dann nach Kassel in das Untersuchungsgefängnis. Dort wurde ich viele Male vernommen und kam dann noch einmal auf Transport nach Frankfurt. Als ich im Gefängnis dort ankam, kannte man mich schon, und ich erinnere mich, wie manche Beamtinnen sagten: „Unser Schwerverbrecher ist wieder da.“ Dann ging es wieder zurück nach Kassel. Dort erhielt ich eine Anklageschrift, datiert am 19. November 1935. Ich besitze davon eine Kopie. In der Anklage wird mir die Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens vorgeworfen.

Da ich kaum Aussagen machte und immer von jemandem sprach, der mir unbekannt sei, enthielt die Anklage nur Anschuldigungen, die man bei vorangegangenen Prozessen gegen Frankfurter Kommunisten, wohl auch durch Aussagen von Jordan, ermittelt hatte. Ich kam wieder auf Transport nach Frankfurt, weitere Vernehmungen und Drohungen musste ich durchstehen. Dann ging es wieder nach Kassel und die Vernehmungen setzten sich fort, mit schrecklichen und fast unglaublichen Methoden. Zwei solche „Vernehmungen“ habe ich in Erinnerung: Einmal führte man mich an einen Galgen und sagte dazu ungefähr: „So wird es Dir ergehen“ Ein anderes Mal führte man mich einem Gestapo-Beamten vor, der in einem sehr schönen Schlafanzug dasaß und man sagte zu mir: „… SO leben Deine Genossen.“ Gesagt habe ich beide Male gar nichts dazu, das hat mich zwar beeindruckt, aber nicht erschüttert, ich kannte ja schon einige Tricks der Gestapo-Schergen. Bei einer anderen Vernehmung durch die Gestapo sagte so einer zu mir, ich wäre von Moskau eingesetzt vom Exekutivkomitee. Da habe ich gefragt, was das sei, ich weiß nicht, was sowas ist. Da versuchte er, mir zu erklären, was das so sei. Daraufhin sagte ein anderer, der dabei war: „Du lässt Dich von der schön auf den Arm nehmen“, Man hat dann wohl eingesehen, dass bei mir nichts zu machen sei. Am 7. Februar 1936 habe ich dann eine „Nachtragsanklageschrift“ erhalten, in der einiges enthalten war, das überwiegend nicht von mir angegeben worden war. Ich halte es für wichtig, daraus zu zitieren:

Ende Februar, Anfang März 1935 rief die in dieser Sache vom Oberreichsanwalt verfolgte Funktionärin Maria Widmayer bei ihr an und wurde, wie später der ZK- Kurier Walter Griesbach, mit dem sie durch die in o. Js. 52/34 abgeurteilte Betty Wiedmann zusammengekommen war, in ihrer Wohnung aufgenommen. In dieser Zeit beteiligten sie sich an einer von Strüwe und Jordan in die Wege geleiteten Verschiebung eines illegalen Funktionärs ins Ausland… Im Herst 1934 suchte sie in der Druckerei Kirchler, In der die nationalsozialistische Tageszeitung „Frankfurter Volksblatt“ gedruckt wird, unter den Arbeitern eine kommunistische Zelle zu bilden.

Und jetzt kommt eine Passage, die deutlich macht, dass selbst die Staatsanwaltschaft, die die Anklage erhobt, versteckt schon eine gewisse Hochachtung zum Ausdruck brachte. Ich bin heute noch Stolz darauf, dass man mir dabei Standhaftigkeit und Mut bestätigte:

… Ihre ganze pesönliche Einsatzbereitschaft für die staatsfeindlichen Bestrebungen der KPD bewies sie in dem Zeitpunkt, in dem Strüwe in Frankfurt am Main derBoden zu heiß wurde und er die Flucht ergriff. Sie ließ sich nicht einschüchtern, sondern setzte unbeirrt die gefährliche Arbeit fort. Das Gleiche wiederholte sie, als zu Beginn des Jahres 1935 durch zahlreiche zahlreiche Festnahmen die Bezirksleitung in Frankfurt am Main zerschlagen und insbesondere die Verbindung nach Berlin abgerissen war. In dieser kritischen Lage brachte sie, wie sie jetzt zugibt, von sich aus den ZK-Kurier Griesbach mit dem Funktionär Botta zusammen, und es gelang ihr, auf diesem Wege die Verbindung der neu errichteten Bezirksleitung Hessen-Frankfurt der KPD wiederherzustellen. 

Ich stand ganz allein vor den Richtern des Oberlandesgerichtes in Kassel. Mir war zwar eine Verteidigerin zugeteilt worden, aber die sagte nur, dass ich viele Jahre für die KPD gearbeitet hätte, und das hätte mein Leben und auch mein Verhalten geprägt. Es war ja so, dass alle Anwälte damals im „NS-Rechtswahrer-Bund“ waren; die Richter waren angepasst an das System; von beiden war nichts anderes zu erwarten. Man verurteilte mich zu sechs Jahren und sechs Monaten Zuchthaus mit zehn Jahren Ehrverlust und Polizeiaufsicht nach der Strafe.

Von Kassel aus kam ich in Einzelhaft nach Aichach in Bayern, das war ein Frauenzuchthaus. In der Zelle war an Stelle eines Klosetts nur ein Kübel, den ich jeden Morgen entleeren musste. Es gab auch keine Wasserleitung. Das Fenster war hoch, ich hatte kaum Aussicht. Das Bett war tagsüber angeschlossen und der Tisch war fest an der Wand. Man konnte also nicht einmal den Tisch ans Fenster stellen, um wenigstens etwas zu sehen. Ich machte in der Zelle Näharbeiten mit der Hand. Das war eine eintönige Zeit. Es gab ja nur einmal am Tag einen kurzen Spaziergang im Gefängnishof. Die Zuchthaus-Bibliothek taugte kaum etwas. Man bekam jede Woche einmal ein Buch, das man sich aber nicht aussuchen konnte. Das Essen war sehr eintönig. Im Krieg, den ich ja auch noch im Zuchthaus erleben musste, war es sehr schlecht, und die Gefangenen hungerten. Die einzige Freude, die ich hatte, waren Briefe von meinen Eltern, denen ich auch schreiben konnte, aber nur jeden Monat einmal; und die Post wurde zensiert. In all den Jahren hatte ich viermal Besuch in Aichach. Zweimal besuchte mich mein Vater, einmal mein Bruder und einmal meine Schwägerin. Mein Vater, der damals schon 60 Jahre alt war, lernte Motorradfahren und fuhr mit einer 100-ccm-Maschine zweimal nach Aichach. Das war immer sehr aufregend, besonders für den Vater.

Wie unmenschlich und rücksichtslos die Zensoren der Gefangenenpost waren, dafür ein Beispiel: Meine Mutter arbeitete während des Krieges bei einer Freundin an einem Gemüsestand auf dem Markt. Davon schickten meine Eltern ein Bild. Bei meiner Entlassung im Jahre 1942 aus dem Zuchthaus Anrath bei Krefeld erhielt ich dieses Bild mit meinen „Effekten“. Das war das persönliche Eigentum der Gefangenen. Sogar ein Bild der Mutter wurde mir in der Haft vorenthalten. Im Frühjahr 1939 wurde meine Einzelhaft in Aichach unterbrochen. Ich kam auf Transport nach Stuttgart. Um was es ging, wusste ich nicht. In Stuttgart wurde ich im Untersuchungsgefängnis in Einzelhaft eingesperrt. Der Zweck meiner Überführung war folgender: Dort wurde ich im Prozess gegen die mir bekannte Genossin Maria Widmayer vernommen. Sie war wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt. Der Richter warf mir vor, ich hätte in Frankfurt illegal mit ihr zusammen gearbeitet. Ich sagte, dass ich sie schon aus der Zeit vor 1933 gekannt habe und sie mich einmal besuchte, als sie über Frankfurt irgendwohin fuhr. Das bestätigte sie. Auch der in Frankfurt bekannte Genosse Karl Fehler wurde in diesem Prozess vernommen. Ich habe später erfahren, dass er sich wie ich verhalten hat. Karl Fehler wurde nach dem Ende seiner Strafe wieder von der Gestapo verhaftet und ist in einem KZ-Lager ermordet worden. Maria Widmayer wurde zu vier Jahren 7 und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt, vorher war sie drei Jahre in Untersuchungshaft gewesen. Nach dem Prozess kamen wir zusammen auf Transport nach Aichach. Der Transport dauerte ein paar Tage. Wir hatten das Glück, im Waggon und in den Gefängniszellen unterwegs zusammen zu sein. Da wurde vieles besprochen, wurden persönliche und politische Erinnerungen ausgetauscht. Von Maria erfuhr ich dabei, wie die Gestapo und auch Richter über Antifaschisten dachten. Sie erzählte mir:

„Bevor Du und Karl Fehler als Zeugen aufgerufen worden seid, hat ein Gestapomann, der am Prozess teilnahm, erklärt, dass die Vernehmung von Euch sinnlos sei, weil beide unverbesserliche Kommunisten seien. Der Richter bestand auf der Vernehmung mit der Bemerkung, er wolle sich selbst ein Urteil bilden.“ 

Als wir als Zeugen entlassen wurden, hat der Richter, so Maria, gesagt, es handelt sich hier doch um unverbesserliche Kommunisten. Ich habe das damals als eine Anerkennung aufgefasst, aber ich will hinzufügen; das gleiche gilt für meine gute Kameradin Maria Widmayer, die sich ebenso verhalten hat. Sie kam nach ihrer Strafe in das Frauen-KZ Ravensbrück und hat dort hervorragende Arbeit in der illegalen Gruppe im Lager gemacht. Nach 1945 ging sie nach Berlin und heiratete den in der Widerstandsbewegung in Buchenwald bekannten Harry Kuhn, der die Selbstbefreiung dieses Lagers mit vorbereitete. Maria Widmayer ist vor einigen Jahren gestorben, vorher auch ihr Mann Harry, Kaum war ich in meiner Zelle in Aichach, da wurde ich zum Direktor gerufen. Er teilte mir mit, dass mein Bruder einen Brief geschrieben habe, den er mir aushändigte. Er sagte mir, dass mein Bruder Adam mich mit einem eingesperrten Voge verglichen hätte, aber war man mit mir mache, wäre noch schlimmer. Der Direktor machte bei mir den Wohlwollenden und sagte, dass er nichts gegen meinen Bruder unternehmen würde.

Nach Ausbruch des Krieges wurde Aichach immer mehr belegt mit Gefangenen. Um 1940 kam ich in Gemeinschaftshaft. In einer kleinen Zelle lagen fünf Frauen, zwei mussten auf dem Boden schlafen. Unter uns waren viele Politische. Wir waren kurze Zeit im Elsass und kamen wieder nach Aichach zurück. Der Grund für diese Rückführung war, wie mir später Berta Hirth aus Frankfurt sagte, dass in der Bevölkerung des Ortes das Zuchthaus bekannt geworden war und dass unter den Häftlingen Politische waren. Es ist zu Sprechchören „Politische Gefangene raus“ gekommen. Ich kam wieder in Gemeinschaftshaft in Aichach. Es war schon Krieg und alles wurde immer schlechter. Das Essen wurde noch schlechter und die Behandlungen brutaler und verächtlicher. Ich erinnere mich an eine Inspektion, die der Direktor des Zuchthauses durchführte. An der Zellentür erklärte zynisch: „Unsere Soldaten kämpfen draußen und Euch müssen wir hier ernähren.“

Mitte 1941 wurde ich in das Zuchthaus Anrath bei Krefeld verlegt, mit mir auch die Genossin Eva Höhn aus Frankfurt. Auf diesem Transport lernte ich die vorher erwähnte Genossin Bertha Hirth kennen; ihren Mann hatte ich schon vorher gekannt. In Anrath kam ich wieder in Einzelhaft bis zu meiner Entlassung im März 1942. In der Zelle musste ich wieder Näharbeit machen, diesmal bekam ich eine Nähmaschine. Täglich wurde die Arbeit an der Zellentür übergeben.

Bertha Hirth gab öfters zusammen mit der Aufseherin die Arbeit aus. In ihrer Funktion erfuhr sie natürlich mehr als die Gefangenen in den Zellen. Viele Male hat sie mich über den Verlauf des Krieges informiert. Sie überbrachte Nachrichten, wenn, sie sie in Erfahrung gebracht hatte, sie war mir mal ein Bonbon in die Zelle. Wenn es ging, sprach sie auch mit mir. So verhielt sie sich auch anderen Politischen gegenüber. Sie war die rechte Hand des Zuchthauspfarrer. Das kam mir zugute. In Abständen erhielt ich auf einmal von ihr Oblaten, die für das Abendmahl bestimmt waren. Das war für mich was ganz Besonderes. Nach einiger Zeit kam sie an meine Zelle und teilte mir ganz aufgeregt mit, dass es mit den Oblaten vorbei sei. Sie sagte mir, es musste ja schnell gehen, der Pfarrer hat gemerkt, dass gar nicht so viele Leute zum Abendmahl gehen, wie wir Oblaten verbrauchen. Aber ihre Informationen gab sie weiter und es fiel immer wieder mal eine Kleinigkeit für mich ab.

Viele Male haben wir nach der Befreiung vom Faschismus und Krieg darüber gesprochen. Berta Hirth war für mich und für andere eine treue Kameradin, so etwas wie ein Engel im Zuchthaus.

Das Ende meiner langen Strafzeit kam näher. Was kommen würde war ungewiss. Kurz vorher hatte ich noch ein Erlebnis mit Berta Hirth. Eines Tages stand sie vor meiner Zellentür und sagte mit Tränen in der Stimme: „Du wirst nicht entlassen. Du wirst der Gestapo überstellt.“ Dieser Tag kam dann im März 1942. Zur Überstellung an die Gestapo, wie Berta Hirth mir angekündigt hatte, kam ich au Transport. Ob es der letzte sein würde, war noch ungewiss. Sechs Jahre und sechs Monate Haft hatte ich hinter mir, und wenn ich später darüber mal nachgedacht habe oder deswegen gefragt wurde, dann wurde mir jedes Mal deutlich, dass ich mehr als 1800 Tage lang immer allein war, ohne wesentliche Kontakte zu andern. Eine schlimme Zeit, die ich ertragen habe in dem Bewusstsein, für eine gute Sache gestritten zu haben.

Es dauerte einige Tage, bis ich wieder in das Gefängnis in der Hammelsgasse in Frankfurt eingeliefert wurde. Nach etwa zwei Tagen wurde ich zur Gestapo in der Lindenstraße gebracht. Ein junger Gestapo-Mann führte dann mit mir ein Gespräch. Ich war etwas verwundert über die Sprache, die er verwandte. Sie war ganz anders als die jener Schergen der Gestapo, die ich so viele Male hatte hören müssen. Er hielt mir einen Vortrag darüber, dass die Lage jetzt ganz anders sei. Er redete vom Krieg, von den Bombenangriffen und darüber, dass es wenig zu essen gebe und über anderes. Eine solche Sprache war für mich wirklich neu. Er führte meine lange Strafe an, die ich hinter mir hätte, und meinte, ich sollte nun doch vorsichtig sein mit politischen Aussagen. Dann erfuhr ich von ihm, dass mein Vater draußen sitze, der mich mitnehmen würde. Er teilte mir mit, dass ich bei meinen Eltern wohnen müsse. Er sagte dazu noch, dass meine Eltern für mich bürgen müssten. Das sei eine Auflage, die mir gemacht werde.

Mein Vater nahm mich dann in seine Arme, und wir fuhren zusammen nach Offenbach. Am anderen Tag musste ich mich sofort bei der Offenbacher Gestapo melden, die damals in der Kaiserstraße 88 ihren Sitz hatte. Das frühere Gestapo- Gefängnis in der Ludwigstraße war durch Bombenangriffe zerstört worden. Dort war der Ton schon wieder etwas anders als vorher in Frankfurt. Man teilte mir mit, dass ich am nächsten Tag bei der Schuhfabrik Hassia zu arbeiten anfangen müsse Und dass ich mich jeden Tag bei ihm zu melden habe. Ich hatte also noch nicht einmal Zeit oder Ruhe, mich in „der Freiheit“ einzuleben.

Ich ging also zur Schuhfabrik Hassia. Die erste Frage, die mir der Betriebsleiter stellte, war, wo ich denn vorher gearbeitet hätte. Ich sagte ganz offen, dass ich sechseinhalb Jahre als politischer Häftling eingesperrt war. Ich sagte dazu, dass Ich als Kommunistin in Haft war; er meinte dann, dass es halt früher solche und solche gegeben hätte und dass ich halt nun mit der Arbeit beginnen sollte. Auch eine solche Antwort war für mich ganz neu und eigentlich überraschend.

Der Anfang bei Hassia war natürlich nicht so leicht. Ich hatte ja viele Jahre diese Arbeit nicht mehr gemacht. Aber ich muss sagen, dass mir die Kolleginnen sehr viel geholfen haben, damit ich mich einarbeiten konnte. Auch das war für mich natürlich sehr wohltuend. Es kam öfters vor, dass eine Kontrolle gemacht wurde, denn bei Hassia wurden ja damals Militärstiefel gemacht und die Betriebe wurden in Abständen inspiziert, Dabei schirmten mich die Kolleginnen ab. Sie gaben auf Fragen Auskunft, ich blieb unbehelligt. Ich Muss sagen, dass ich sehr viel Sympathie im Betrieb hatte und das machte vieles leichter.

In dem Betrieb waren auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Einmal hatte ich versucht, mit einer Russin Kontakt aufzunehmen. Ich ging mit ihr damals in ein Café. Der Betriebsleiter hat das erfahren, wie, weiß ich nicht. Er rief mich zu sich. Ich erfuhr von ihm, dass er jeden Monat einen Bericht über mich machen müsse. Er erinnerte mich daran, dass ich doch so lange eingesperrt gewesen sei und die Gefahr bestehe, dass ich dann in ein KZ-Lager kommen würde. Er mahnte mich zur Vorsicht. Folgen hatte das nicht. Ich muss noch erwähnen, wie es war, als ich mit meinem Vater von Frankfurt wieder nach Offenbach kam. Ich war überrascht. So viel Blumen habe ich noch nie bekommen. Früher konnte man sich ja sowas nicht erlauben bei der Arbeitslosigkeit. Zwei Tische waren voll mit Blumen und Geschenken. Ich bekam Geldgeschenke. Das hat mich so bewegt und berührt im Übergang in ein neues Leben. Da waren ehemalige Schulkameradinnen meiner Mutter und Leute, die früher in der SPD waren. Dazu gehörten Mathilde Sauer und Philipp, ihr Mann, beides alte Sozialdemokraten bis zu ihrem Tod. Man kümmerte sich um mich in wirklich rührender Weise bis zum Ende des Krieges. Eine andere Familie aus der SPD, die ein Geschäft hatte, unterstützte mich ebenfalls. Auf der Straße wurde ich von Nachbarn angesprochen. Viele fielen mir um den Hals, Wie das auf mich gewirkt hat, ist kaum zu beschreiben. Ich kann allgemein sagen, dass ich große Hilfe von sehr vielen Menschen erfahren habe. Ich hatte auch bald einige Kontakte zu Genossen, so zu Gretel Spiegel und ihrem Mann Lorenz, der auch lange in Haft war. Mathilde Ehemann, eine bekannte Kommunistin in Offenbach, gehörte dazu, Heiner Sauer und andere. Auch meine alte Gefährtin aus der Zeit vor und nach 1933, Lotte Diehm aus Frankfurt, sah ich wieder. Natürlich waren das nur lose Kontakte, denn alles andere wäre in dieser Zeit für mich und die andern zu gefährlich gewesen.

Es war Krieg, und die Luftangriffe auf Offenbach hatten furchtbare Auswirkungen. Ich ging nicht oft in den Luftschutzbunker, und da hatte ich auch einmal ein Erlebnis: Im Bunker waren damals als Bunkerwart ein Her Schmidt und seine Frau eingesetzt. Die Frau war besonders nett und gut zu mir. Sehr oft hat sie mir ein Ei oder etwas Wurst in die Hand gedrückt. Es gab aber auch andere Situationen. Ich sah nun die Folgen des Krieges, vor dem ich gemeinsam mit meinen Genossen immer gewarnt hatte. Ruhig zu sein bei solchen furchtbaren Folgen war für mich schwer, und einmal habe ich auch eine entsprechende Äußerung gemacht. Eine Frau hatte davon etwas gehört und sprach davon, dass ich Äußerungen gemacht habe, die verboten waren. Damals stand ja so etwas unter Strafe. Herr und Frau Schmidt haben sich sehr für mich eingesetzt und mit dieser miesen Frau geredet. Was mir passiert wäre, wenn ich angezeigt worden wäre, ich weiß es nicht; die Gestapo hätte wohl jedem anderen geglaubt, nur nicht mir. Ich wusste ja, dass es mit dem Krieg mehr lange dauern würde, das Einzige was mich damals bewegte und beschäftigte, war wirklich nur das Kriegsende. Die Lasten, die ich darunter zu tragen hatte? Nun, ich habe es geschafft.

Und so kam das Ende. Am 26. März 1945 rückten die Amerikaner in Offenbach ein. Ich war wirklich überglücklich. Eigentlich kann ich gar nicht beschreiben, was mich da so alles bewegte. Endlich frei vom Druck der Gestapo, weg von der Unsicherheit, die ja immer bestand. Endlich, so hoffte ich, kann ich mein Leben nun wieder in die eigenen Hände nehmen. Bedrückt war ich aber trotzdem noch. Ich dachte an die vielen Freunde und Genossen, die noch in Haft waren, in einem KZ saßen. Was wird nun aus ihnen werden? Wer kehrt überhaupt noch zurück, wenn das alles aus ist? Für Offenbach war ja der Krieg vorbei. Aber er war noch nicht zu Ende.

Eine Wohnung bekam ich damals schnell. Dafür sorgten die Amerikaner und diejenigen Offenbacher, die nun so langsam Verwaltungsaufgaben übernahmen. Antifaschisten wurden dafür genommen, soweit das möglich war. Es dauerte nicht lange, da nahm ich Kontakt zu dem Genossen Christian Bauer in Bieber auf. Er war auch eingesperrt gewesen. Auch mit Johannes Lossa, einem bekannten Offenbacher Genossen. Wir besprachen, wie wir die Partei wieder aufbauen würden. Obwohl damals Ausgangssperre war, wie das von den Amerikanern angeordnet, bin ich mit dem Fahrrad nach Frankfurt gefahren und habe mit dem bekannten Kommunisten Ludwig Wittmann Kontakt aufgenommen. Langsam wurden diese Verbindungen ausgebaut. Es kam Konrad von der Schmitt dazu, dem die Leitung des Arbeitsamtes Offenbach übertragen wurde. Später kam er in den Schuldienst. Ich war für die Partei sofort wieder aktiv. Mehr als 22 Jahre habe ich ihr angehört und bin ihr bis zum heutigen Tage treu geblieben.

Noch etwas will ich am Ende anführen: Mit dem Ende des Krieges war auch der Tag der Freiheit für die Menschen gekommen, die in Offenbach als Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Ich wusste, dass Else und Rudolf Döbert schon lange vorher Kontakte zu Zwangsarbeitern hatten. Rudolf Döbert war im Betrieb Jahns- Regulatoren in Offenbach beschäftigt. Zu Döbert gibt es einen Brief von ehemaligen sowjetischen Zwangsarbeitern, in dem sieben Sowjetbürger aus dem Saporoschje-Gebiet nach ihrer Rückkehr ihm den Dank für die menschliche Behandlung und für politische Informationen aussprachen. Auch Ludwig Möller aus Offenbach, der in der gleichen Firma gearbeitet hat, hatte solche Kontakte. Möller war Kommunist und wurde 1933 verfolgt und misshandelt. Auch Hans Löffert, der Sohn des in Buchenwald ermordeten Karl Löffert, sowie Heinrich Buckpesch und seine Frau Paula hatten solche Kontakte. Kontakte zu Zwangsarbeitern hatte auch Ria Müller, die Frau des bekannten Kommunisten Oskar Müller, der nach 1945 Minister für Arbeit und Wohlfahrt in Hessen war.

Diese Zwangsarbeiter waren in der Mühlheimer Straße in Offenbach untergebracht, auch nach Ende des Krieges noch eine Zeit lang. Mit ihnen nahm ich zusammen mit Ria Müller und Else Döbbert Kontakt auf. Wir kümmerten uns um sie, wir halfen ihnen, wo es nur ging, und setzten uns für ihre Rückführung in die Heimat ein. Wir beschafften Kleider und Lebensmittel und anderes. Ihr Aufenthalt war nicht mehr lange in Offenbach. Ich weiß nicht mehr, wann sie in die Heimat zurückgeführt wurden. Wir machten noch mit ihnen eine kleine Feier. Nie werde ich vergessen, wie dankbar diese Menschen waren, die ja unter unmenschlichen Bedingungen gelebt hatten.

1945 kamen zwei amerikanische Soldaten zu mit, die beide Kommunisten waren. Sie überbrachten mir einen Brief von Walter Strüwe, aus dem ich entnehmen konnte, dass er im Krieg bei seinem Fallschirm-Einsatz über Frankfurt geflogen sei. Wie er als Flieger eingesetzt war, das habe ich vorher schon erzählt. Für die Rückführung der Emigranten habe ich mich auch eingesetzt und dabei von dem bekannten Genossen Walter Fisch aus Frankfurt erfahren, dass Walter Strüwe in der Zwischenzeit geheiratet und einen Sohn hatte. Walter Strüwe kam etwa 1947 aus England nach Frankfurt zurück, arbeitete dort wieder in der KPD Hessen und ging bald in die DDR.

Hier endet die Erzählung von Änne Salzmann. Aus verschiedenen Quellen sollen ihre Aktivitäten nach dem Kriegsende nachgezeichnet werden. Änne Salzmann gehörte zusammen mit Christian Bauer und Johann Lossa zu den Gründern der KPD in Offenbach. Sie nahm, trotz Ausgangssperre, Kontakt zu Ludwig Wittmann in Frankfurt auf, um die Gründung der Partei vorzubereiten. Besonders aktiv war sie in der „Hilfe für Offenbach“ und im „Überparteilichen Frauenverband“. Aus dem Frauenverband wurde sie am 24. August 1950 ausgeschlossen. Der „Kalte Krieg“ war bereits in vollem Gange. Änne Salzmann ging dann in die Dienste der Stadt. Bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1965 war sie in der Tbc-Fürsorge beim Sozialamt tätig. Politische Schwierigkeiten hatte sie öfter im Amt. Man riet ihr, aus der KPD auszutreten. Das lehnte sie ab. Bereits im Jahre 1950 wollte man ihr kündigen. Ihr Ansehen bei den Kolleginnen und Kollegen hat das verhindert. Die Gewerkschaft und der Dezernent Ferdinand Winkel setzten sich für sie ein.

Die Schülerin Astrid Sahm hat in ihrer Arbeit „Die Chance zur Demokratie als Folge der Niederlage des Nationalsozialismus“, einer Darstellung zur gesellschaftspolitischen Entwicklung in Offenbach von 1945 bis 1949, die im Rahmen des Schülerwettbewerbs der Körberstiftung 1984 und 1985 geschrieben und mit einem Preis bedacht wurde, ein Bild von Änne Salzmann aus dieser Zeit gegeben. Aus der Arbeit von Astrid Sahm die folgenden Auszüge:

Die Deutschen, die wir heute als Frauen und Männer der ersten Stunde bezeichnen, da sie damals die notwendigen Arbeiten übernahmen, waren allerdings größtenteils unschuldig an Hitlers Angriffskrieg. Viele von ihnen hatten in der Weimarer Republik stets vor Hitler gewarnt und gegen ihn gekämpft, waren dann in den aktiven Widerstand gegangen, wurden in KZ‘s und Gefängnissen eingesperrt. Andere hatten sich in der Nazizeit verborgen gehalten. (…)

(…) Sie alle waren keine Nazis, keine gedankenlosen Mitläufer und Anpasser gewesen. Da die Versorgungsprobleme nach dem Krieg vorrangig waren, stellten sie einerseits ihre Gesundheit, andererseits ihre politische Pläne von Parteigründung etc. – sie sie dennoch nebenher aktiv vorbereiteten – für die erste Zeit nach dem Krieg hinten an. Heiner Galm, der damals glaubte, dass der Sozialismus nun von selbst wachsen müsste, sagt in seinem Buch „Ich war halt immer ein Rebell“: „Und dann haben wir unter Sozialismus in erster Linie verstanden, dass die Trümmer wieder beseitigt und die Lebensbedingungen für alle wieder erträglich und gut werden.“(…) 

 (…) Die übrige Bevölkerung in ihrer großen Zahl beteiligte sich zwar nicht an den Vorbereitungen zur Lösung dieser Probleme, aber sie arbeitete mit viel Energie, Ausdauer und Fantasie an der Trümmerbeseitigung, in den zerstörten Betrieben usw. und ermöglichte so den schnellen Wiederaufbau der deutschen Städte und Gemeinden. 

Änne Salzmann ist eine solche Frau der ersten Stunde gewesen. Sie war während der Nazizeit eine der treibenden Kräfte der illegalen KPD-Widerstandsgruppe in Frankfurt und Offenbach. Als sie von den Nationalsozialisten gefangengenommen wurde, verurteilte man sie im Jahre 1936 zu sechs Jahren und sechs Monaten Zuchthaus, von denen sie fünf Jahre in strenger Einzelhaft verbringen musste.

Änne Salzmann erzählte mir in einem Gespräch, dass zu dieser Zeit (1945) Hilfsorganisationen in Offenbach gegründet wurden, wie sie arbeiteten und welche Aufgaben sie selbst dabei erledigt hat:

„Unmittelbar nach dem Krieg war alles nur noch ein Chaos Es gab kein Wohnungsamt, kein Sozialamt. Unter den Deutschen traf man viele Anpasser und Duckmäuser an. Sie passten sich auch der Militär-Regierung. an und verhielten; sich, vielleicht aus Angst, ruhig und zurückhaltend. Kaum jemand gab zu, während der Hitlerzeit Nazi gewesen zu sein. Nur die Aufgeschlossensten bildeten Gruppen und gründeten später neue Parteien.“ (…)

(…) So gab es einen Beratenden Ausschuss, der aus allen Parteien, aus den Kirchen und vielen anderen ehemaligen Organisationen zusammengesetzt war. Als erstes gab es eine Betreuungsstelle für die Opfer der NSDAR, d.h. für alle politisch, rassisch und religiös verfolgten Menschen des Dritten Reiches. Die politisch Verfolgten bekamen Bescheinigungen, die ausdrückten, dass sie von den Amerikanern als unbelastet angesehen wurden. Das waren einige Hundert Betroffene. Sie genossen ein wenig Bevorzugung bei der Wohnungssuche, bei der Nahrungsmittelversorgung durch Hilfe von Firmen. Die Stadt Offenbach versuchte die Gruppe besonders zu unterstützen, denn ein großer Teil der damals politischen Initiativen kam von diesen Antifaschisten. Sie waren also die Frauen und Männer der ersten Stunde und handelten teils aus politischen, teils aus religiösen (…) Aus diesen Gedanken heraus entstand die „Hilfe für Offenbach“, die durch einen Aufruf an die Bevölkerung Offenbachs vom Oberbürgermeister und dem Beratenden Ausschuss ins Leben gerufen wurde. Die Spenden, welche von den i Bürgern aufgebracht wurden, waren sehr zahlreich. Vorwiegend Sachspenden & gingen ein. Viele Bürger gaben wirklich, was immer sie entbehren konnten.

Auch war die „Hilfe für Offenbach“ die erste von den Amerikanern unterstützte Hilfsorganisation in Offenbach. Die „Hilfe für Offenbach“ erhielt z.B. viele Dinge wie Fett, Geschirr, Speck durch die deutsche Polizei, welche von Hamsterern und Beschlagnahmungen aus der Industrie stammten, und selbst aus Amerika & wurden zahlreiche Pakete gesandt. Für die Durchführung der „Hilfe für Offenbach“ wurde vom Beratenden Ausschuss und vom Oberbürgermeister ein Ausschuss eingesetzt, dem der Lehrer August Hammerstein, Änne Salzmann, Pfarrer „Karl Amborn, Wilhelm Berker, Dr. Frühauf, Fritz Remy und Karl Rost angehörten.

Kurze Zeit, nachdem die „Hilfe für Offenbach“ ins Leben gerufen wurde, gründeten im Herbst 1945 Frauen den „Überparteilichen Frauenverband Offenbach“.

Dies war ein sozialer, caritativer Zusammenschluss von Frauen, die alle aus verschiedenen politischen Richtungen kamen. Dabei waren Frau Christine Kemp aus der CDU, Else Hermann aus der SPD, Frieda Rudolph aus der Arbeiterpartei und Frau Gehrmann von den Freireligiösen. Änne Salzmann gehörte ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern des Überparteilichen Frauenverbandes, dessen Vorsitzende sie bis 1950 war, bis im Zuge der Kommunistenagitation alle kommunistischen Frauen aus dem Verband ausgeschlossen wurden.

Der Überparteiliche Frauenverband erfüllte verschiedene Aufgaben. Die Frauen veranstalteten Kaffeenachmittage für ältere Leute, sie organisierten Kleidersammlungen, deren Ertrag in der Mathildenschule an die zurückkehrenden Kriegsgefangene verteilt wurden. Von den Quäkern, einer amerikanischen Hilfsorganisation, erhielt der Frauenverband Milchpulver, so dass jeden Tag Milch an die Kinder verteilt werden konnte. Sie organisierten außerdem Erholungsfahrten für Kinder und veranstalteten Kinderfeste. Änne Salzmann versuchte auch, die Frauen politisch zu motivieren und sie für den Gedanken der Gleichberechtigung zu gewinnen. Denn während des Krieges wurden die Frauen durch das Fehlen der Männer zunehmend gleichberechtigt und hatten die Arbeit der Männer zu verrichten, jedoch nach dem Krieg, als viele Männer wieder zurückkehrten, wurden die Frauen wieder in ihre alten Rollen zu Kinder, Küche und Kirche zurückgedrängt. Der Überparteiliche Frauenverband Offenbach war der Einzige der Verbände des Frauenverbandes Hessen, welcher eine so aktive Rolle spielte. Das lag wohl unter anderem daran, dass Offenbach eine Arbeiterstadt war und der Frauenverband hauptsächlich aus Arbeiterfrauen bestand, während im Frauenverband Hessen mehr Frauen aus mittleren sozialen Verhältnissen kamen, die sich bedingungsloser ihrer alten Frauenrolle annahmen. Im Laufe der Zeit sind die Gruppierungen „Hilfe für Offenbach“ und die Mitglieder des Überparteilichen Frauenverbandes auseinandergebröckelt, da man wieder begann, persönliche und gruppenspezifische Interessen in den Vordergrund zu stellen. Die Arbeiterwohlfahrt, die Caritas wurden gegründet. Alle Gegenstände der „Hilfe für Offenbach „wie z. B. Geschirr, sind an die Arbeiterwohlfahrt übergegangen. Der Überparteiliche Frauenverband existiert zwar heute noch, aber die Frauen treffen sich nur noch zum Kaffeekränzchen und sind nicht mehr aktiv, Der Bericht Änne Salzmanns hinterließ in mir zuerst einmal eine große Bewunderung für die Aktivitäten dieser Frau und aller anderen an diesen Aufgaben Beteiligten. Denn was sie leisteten, ist mit Worten nur ungenügend auszudrücken. Die Erfolge sollen daher für sich sprechen, Offenbach war eine der ersten Städte, die sauber, d.h. frei von Trümmern waren. Die große Anzahl von Flüchtlingen und Kriegsgefangenen, welche in die Stadt kamen, konnten aufgenommen, versorgt und weiterhin betreut werden. Allerdings sollte es doch noch eine geraume Zeit dauern, bis besonders die schlechte Ernährungslage endgültig beseitigt werden konnte.

Beeindruckend finde ich auch, dass nahezu alle Menschen zusammengearbeitet haben, trotz der unterschiedlichen politischen Richtungen, denen sie entstammten, und ich bedauere, dass diese Zusammenarbeit im Laufe der Zeit auseinandergefallen ist. Zwar gehören zu einer Demokratie starke Oppositionen und unterschiedliche Meinungen, aber Muss dies gleichzeitig bedeuten, dass es kaum gemeinsame Organisationen und Gruppen geben kann? Weshalb gibt es in unserem Land z. B. keine überparteilichen Klubs, in denen man seine politischen Meinungen austauscht und gemeinsame Untersuchungen plant?

Die Gleichberechtigung, die Änne Salzmann und anderen Frauen so am Herzen lag, war in den Kriegsjahren aus der Not heraus entstanden. Sie auch in Friedenszeiten durchzusetzen war notwendig, um eine Demokratie für alle zu erreichen. 

Soweit Astrid Sahm zu Änne Salzmann.

Änne Salzmann wurde im Kreis vieler Freunde am 27. Mai 1987 in einer Feierstunde im Offenbacher Rathaus mit der Verleihung der Bürgermedaille in Silber, der höchsten Auszeichnung der Stadt Offenbach am Main, geehrt. Die Auszeichnung sei der Dank an eine Frau, die den Mut zum Widerstand gegen die Nazis hatte und nach dem Krieg am demokratischen Aufbau beteiligt war, sagte Bürgermeister Wolfgang Reuter in seiner Laudatio.